Optische Messtechnik
Strategische Kosten-Nutzen-Analyse CNC-Fertigung
Executive Summary
Ein Unternehmen der optischen Messtechnik und des Sondermaschinenbaus stand vor einer strategischen Entscheidung bezüglich seiner historisch gewachsenen CNC-Fertigung. Eine systematische Kosten-Nutzen-Analyse sollte Klarheit über den tatsächlichen Wertbeitrag der eigenen Fertigung schaffen und drei alternative Szenarien bewerten.
Zentrale Ergebnisse:
- Szenario II (Reduzierung + Fast Lane): Beste Balance aus Kosten und strategischem Nutzen
- Monetäre Einsparung: 000 Euro über 4 Jahre (SII vs. SI)
- Qualitative Bewertung: 129 Punkte (SII) vs. 116 (SI) vs. 96 (SIII)
- Umsetzung: Schrittweiser Übergang über 20 Monate
- Fokus: Rückbesinnung auf Kernkompetenz Sondermaschinenbau
1. Ausgangssituation und Herausforderungen
1.1 Hintergrund
Die CNC-Fertigung des Unternehmens ist historisch aus der Not geboren, um ursprünglich eilige Projekte oder Sonderlösungen schnell abwickeln zu können. Mit der Zeit wuchs dieser Bereich jedoch kontinuierlich, ohne systematisch zu prüfen, welcher Umfang im Sinne der Kernkompetenzen überhaupt notwendig ist.
Mittlerweile wurde sogar extern nach Aufträgen aktiv gesucht, um die vorhandenen Kapazitäten auszulasten. Dies führte zu grundsätzlichen Fragen über die strategische Ausrichtung.
1.2 Problemstellung
- Monetärer Nutzen fraglich: Wirtschaftlicher Vorteil der CNC-Fertigung wird bezweifelt
- Verwässerung Geschäftsmodell: Gefahr der schleichenden Abkehr vom eigentlichen Kerngeschäft
- Strategischer Zeitvorteil unklar: Nutzen bzgl. schnellem Liefern von Lösungen nicht belegt
- Kapazitätsauslastung: Externe Auftragssuche deutet auf Überkapazitäten hin
2. Projektansatz und Methodik
2.1 Zielsetzung
Das Projekt verfolgte eine neutrale sowie analytische Betrachtung der Kosten und des Nutzens der CNC-Fertigung. Drei Szenarien sollten sowohl monetär als auch qualitativ bewertet werden:
- Szenario I: Behalten und wettbewerbsfähiger machen
- Szenario II: Reduzieren und Teilintegration in Fast Lane am Hauptstandort
- Szenario III: Rückbau und 100%-ige Beschaffung am freien Markt
2.2 Vorgehen
Workshop-basierte Analyse:
- Team-Workshops am 3./4.4. und 24.4.2023
- Detaillierte Kostenanalyse (30+ Kostenmerkmale)
- Nutzenanalyse (13 Nutzenmerkmale)
- Qualitative Bewertung (8 gewichtete Kriterien)
- 4-Jahres-Betrachtung (2023-2026)
3. Analysierte Kosten- und Nutzenmerkmale
3.1 Kostenmerkmale (Auszug)
Insgesamt 30 Kostenmerkmale wurden detailliert analysiert:
| • Personalkosten | • Qualitätskosten |
| • Miete & Raumkosten | • Abschreibungen |
| • Materialkosten | • Umlagen (IT, ERP, Personal) |
| • Maschinenstundensätze | • Beschaffungskosten (intern/extern) |
| • Instandhaltung | • Weitere 20+ Kostenarten |
3.2 Nutzenmerkmale
- Schnellerer Prototypenbau / Testaufbau für Entwicklungen
- Bessere Kommunikation Konstruktion/Entwicklung – Fertigung
- Geringere Abhängigkeit von Lieferanten und Einkauf
- Kurze Durchlaufzeit, Wegfall Transportzeit
- Revisionsänderungen erfolgen schneller
- Fokussierung auf Kerngeschäft (bei Reduktion/Auslagerung)
- Skaleneffekte durch größere Einkaufsmengen
- Erlös durch Maschinenverkauf (bei Reduktion)
4. Ergebnisse: Monetäre Bewertung
4.1 Kosten-Nutzen-Vergleich (2023-2026)
| Position | SI (Behalten) | SII (Reduzieren) |
| Nutzen gesamt | 1.695 T€ | 1.961 T€ |
| Laufende Kosten | -4.877 T€ | -4.554 T€ |
| Einmalkosten | – | -120 T€ |
| Ergebnis | -3.181 T€ | -2.713 T€ |
Einsparung SII vs. SI: 469.000 Euro über 4 Jahre
4.2 Vergleich Szenario III (100% extern)
Szenario III (vollständige externe Beschaffung) zeigt:
- Nutzen: 1.297 T€ (niedrigster Wert)
- Kosten: -4.337 T€ (inkl. 75 T€ Einmalkosten)
- Ergebnis: -3.040 T€
- Vergleich SII zu SIII: -327.000 Euro (SIII schlechter als SII)
5. Ergebnisse: Qualitative Bewertung
5.1 Bewertungskriterien und Gewichtung
Acht Kriterien wurden nach Bedeutung gewichtet (1-12 Punkte):
| Kriterium | Gewicht | Fokus |
| Wettbewerbsfähige OTD | 12 | Sehr hoch |
| Hohe Reaktionsfähigkeit auf Kundenwunsch | 11 | Sehr hoch |
| Geringes Risiko für Vertragsstrafen | 10 | Sehr hoch |
| Positiver Einfluss auf Working Capital | 7 | Hoch |
| Weitere 4 Kriterien | 1-4 | Niedrig-Mittel |
5.2 Bewertungsergebnis
| Szenario | Punktzahl | Rang |
| Szenario II (Reduzieren) | 129 | 1 |
| Szenario I (Behalten) | 116 | 2 |
| Szenario III (100% extern) | 96 | 3 |
6. Umsetzungsplanung
6.1 Übergang SI zu SII (20 Monate)
Das Team entwickelte einen strukturierten Übergangsplan von Mai 2023 bis Ende 2025:
Phase 1: Sofortmaßnahmen (Q3/2023)
- Rückbau Szenario I starten
- Verkauf von 2 Maschinen
- Umsetzung ‚externes Programmieren‘ zur OEE-Steigerung
Phase 2: Vorbereitung SII (2024)
- Erhöhung auf 1,5 Schichten (12h Auslastung)
- Aufbau technischer Kompetenzen im Einkauf
- On-Demand-Fertigung (externe Web-Plattform)
- Konzept Flächenintegration am Hauptstandort
- Konzept Teamintegration
Phase 3: Voraussetzungen schaffen (bis Juli 2024)
- Einkauf reorganisieren
- SCM: Make-or-Buy Prozess etablieren
- Konstruktion: Standardisierung/Baukastenprinzip
- Entwicklung: Stage-Gate Prozess wirksam machen
- Vertrieb: Vertragsgestaltung anpassen
Phase 4: Start SII (Q2/2025)
- OEE-Kontrolle
- Maschinenverkauf (Überhang)
- Planung Rückbau
- Integration Fast Lane
Phase 5: Umzug (Ende 2025)
- Abschluss Integration am Hauptstandort
- Vollständiger Rückbau CNC-Standort
7. Erfolgsfaktoren und Lessons Learned
7.1 Zentrale Erfolgsfaktoren
- Systematische, datenbasierte Analyse
Die detaillierte Erfassung von 30+ Kostenmerkmalen und 13 Nutzenmerkmalen schuf eine belastbare Entscheidungsgrundlage. Die Kombination aus monetärer und qualitativer Bewertung ermöglichte eine ganzheitliche Perspektive.
- Workshop-basiertes Vorgehen
Die Einbindung aller relevanten Stakeholder in Workshops schuf Transparenz und Akzeptanz für die Ergebnisse. Unterschiedliche Perspektiven wurden strukturiert einbezogen.
- Pragmatischer Übergangsplan
Der 20-Monats-Plan ermöglicht einen kontrollierten Übergang ohne Disruption des laufenden Geschäfts. Klare Meilensteine und Verantwortlichkeiten schaffen Orientierung.
7.2 Zentrale Erkenntnisse
- Kernkompetenz-Fokus: Historisch gewachsene Strukturen müssen regelmäßig hinterfragt werden
- Make-or-Buy: Eigenfertigung ist nicht per se vorteilhaft – systematische Bewertung notwendig
- Strategische Klarheit: Fast Lane für Eilaufträge vs. Standardfertigung extern
- Prozess-Voraussetzungen: Erfolg hängt von flankierenden Maßnahmen ab (Einkauf, SCM, Konstruktion)
8. Fazit
Das Projekt zeigt exemplarisch, wie eine systematische Kosten-Nutzen-Analyse strategische Klarheit über historisch gewachsene Strukturen schaffen kann. Die Kombination aus quantitativer und qualitativer Bewertung ermöglichte eine fundierte Entscheidungsgrundlage.
Das Spannungsfeld:
Das Unternehmen musste zwischen der Aufrechterhaltung maximaler Flexibilität (eigene Fertigung) und der Fokussierung auf das Kerngeschäft (Sondermaschinenbau) abwägen. Die Analyse zeigte, dass eine reduzierte eigene Fertigung mit Fast-Lane-Charakter die beste Balance bietet.
Der Weg:
Szenario II ermöglicht Einsparungen von 469.000 Euro über 4 Jahre bei gleichzeitiger Wahrung der strategischen Flexibilität für Eilaufträge und Prototypen. Der strukturierte 20-Monats-Übergangsplan mit klaren Voraussetzungen (Einkauf, SCM, Konstruktion) schafft die Basis für erfolgreiche Umsetzung.
Die neue Ausrichtung – ‚Finden von Lösungen im Sondermaschinenbau für Kunden (schnell und flexibel agieren), Zerspanung als Lösungsoption für komplexe und kundenspezifische Teile, Feuerwehr und Testmuster für Entwicklung‘ – schärft das Profil des Unternehmens und stärkt die Wettbewerbsposition.
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